Hintergrund

Was bedeutet fortgesetzte Gewalt gegen Frauen durch Institutionen?

Zahlreiche Mütter und ihre Kinder, die von verschiedenen Formen häuslicher Gewalt betroffen sind, erleben nach der Trennung vom Täter in Jugendämtern und vor Familiengerichten, dass sie trotz ihres Rechts auf Schutz vor Gewalt nicht vor fortgesetzter Gewalt (in teils neuem Gewand) geschützt werden. Ihre Traumatisierung und weitere Gefährung wird nicht ernst genommen. Stattdessen werden sie den Tätern über das Umgangsrecht weiterhin ausgeliefert. Häufig müssen sie sich auf unbegleitete, teils großzügige Umgangsregelungen bis hin zum Wechselmodell einlassen. Ihre eigene stete Retraumatisierung durch die erzwungenen regelmäßigen Kontakte mit dem Täter spielt dabei keine Rolle. Durch Gewalt traumatisierte Frauen und ihre Kinder können jedoch nur gesunden, wenn sie nicht regelmäßig erneut ihrem Peiniger ausgesetzt werden. Ohne Kontaktabbruch ist eine oft Jahre dauernde Gesundung kaum möglich.

Wenn durch Gewalt traumatisierte Mütter sich weigern, sich aus Schutzgründen auf ausgedehnte Umgangsregelungen einzulassen, laufen sie sogar Gefahr, ihre Kinder an den Täter zu verlieren. Sie werden dann teils auf eine vermeintliche Pflicht zur Einigung mit dem Vater hingewiesen (die selbst der BGH als unmöglich ansieht). Müttern, denen das aufgrund der Gewalterfahrung nicht möglich ist, widerfährt eine Täter-Opfer-Umkehr: Plötzlich werden sie als Täterinnen dargestellt, die ihre Kinder gefährden würden, weil sie dem Vater dessen Recht auf Umgang nicht oder nicht in dem vom Vater gewünschten Umfang “zugestehen” – weil sie sich und ihre Kinder vor dem Täter und seinen immer neuen Übergriffen oder dessen Zwangskontrolle (engl. coercive control) schützen wollen. Sie erleben damit im Gerichtsverfahren eine sekundäre Viktiminsierung.

Über das Umgangsrecht mit den Kindern erhalten Täter kontinuierlichen Zugriff auch auf die Mutter und zahlreiche Möglichkeiten, weiterhin Gewalt gegen sie auszuüben. Das Gewaltopfer ist völlig ungeschützt. Von der Möglichkeit, begleitete Umgänge und trägergestützte Übergaben der Kinder – auch dauerhaft – zu nutzen, machen viel zu wenige Familiengerichte Gebrauch.

Wie kann das sein?

An Familiengerichten wird bis heute das Umgangsrecht von Vätern mit ihren Kindern höher gewichtet als das Recht des Opfers auf Schutz vor weiterer Gewalt und Retraumatisierung. Seit Jahren kritisieren zahlreiche Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und Verbände die fehlende Synchronisierung von Gewaltschutz und Umgangsrecht. Die gesetzliche Prämisse (§ 1626 Absatz 3 BGB), nach der der Umgang mit beiden Elternteilen für Kinder “in der Regel” deren Wohl diene, ignoriert bisher in der Rechtspraxis, dass dies in Gewaltkontexten kontraindiziert ist.

Fachwissen zu Gewaltbeziehungen fehlt häufig

Hinzu kommt fehlendes Fachwissen der verfahrensbeteligten Professionen im Bereich familiärer Gewalt. Weder Richter*innen noch Jugendamtsmitarbeiter*innen oder Verfahrensbeistände haben bisher eine Pflicht, sich im Bereich familiärer Gewalt, ihrer Psychotraumatologie sowie zu den Gefahren von Retraumatisierungen durch steten Kontaktzwang fortzubilden.

Familiäre und Partnerschaftsgewalt ist immer von einem Machgefälle zwischen Täter und Opfer gekennzeichnet. Die bisherige Rechtspraxis aber geht regelmäßig von einem hypothetischen Gleichgewicht zwischen Eltern aus. Gewalt wird so zum “Elternkonflikt” verharmlost, die bestehende Asymmetrie samt der Traumatisierung und Angst der Opfer ignoriert und mit Sätzen wie „Zum Streit gehören zwei“ die Opfer ein weiteres Mal viktimisiert.

Kinder, die Gewalt miterleben, werden ebenfalls nachhaltig traumatisiert und haben nahezu immer mit langfristigen Folgen zu kämpfen. Diese Erkenntnis ist in der Wissenschaft sehr gut erforscht und unstrittig. Dennoch werden diese Kinder immer wieder auch gegen ihren eigenen Willen zu Umgängen mit dem Vater gezwungen oder sogar ganz zu ihm umplatziert. Eine mögliche emotionale Ambivalenz der Kinder gegenüber den Tätern – die sog. Traumabindung – wird ignoriert bzw. nur einseitig im Sinne eines Umgangs mit dem Vater ausgelegt. Gleichzeitig werden ihre Mütter durch unbegleitete Umgänge regelmäßig dem Täter in den Übergabesituationen ausgeliefert. Über das gemeinsame Sorgerecht sowie Umgangsrecht erhalten Täter zahlreiche weitere Möglichkeiten, dem Opfer weiterhin zuzusetzen und Zwangskontrolle auszuüben. Dazu zählt auch das regelmäßige, erneute Klagen von Tätern vor dem Familiengericht. Großbritannien hat diese Form der Gewaltausübung inzwischen als fortgesetzte Gewalt anerkannt, gibt Richter*innen daher die Möglichkeit an die Hand, diese zu unterbinden und neue Klagen nicht mehr zuzulassen.

Das Recht der Frau auf Schutz vor jeder weiteren Gewalt wird an deutschen Gerichten bis heute oft ignoriert. Das ist eine anhaltende Menschenrechtsverletzung.